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Zytologie

So erstaunlich es auch anmutet, auch die einzelne Zelle kann darüber Auskunft geben, ob eine Krankheit vorliegt und welche.

Man beurteilt natürlich nicht nur 1 Zelle sondern immer eine ganze Ansammlung und durch die hohe Vergrößerung im Mikroskop werden Zell- und Zellkerneigenschaften gut erkennbar.

Von den äußeren und inneren Körperoberflächen, (Mund, Rachen, Magen und Darm bei Endoskopien) kann man Zellen leicht abstreichen.

Mit Sekreten werden die Zellen mitgeschleppt, z.B. beim Harn und man kann sie durch Zentrifugieren so konzentrieren, dass sie ausreichend dicht auf dem Objektträger beisammen liegen.

Aus tiefen Stellen kann man die Zellen durch Absaugenmit einer Spritze (Punktion) bekommen. Zytologische Schilddrüsenuntersuchungen werden häufig so gemacht.

Das gewonnene Material wird auf einem Glasplättchen (dem Objektträger) ausgestrichen und gefärbt, damit es im Mikroskop durchmustert werden kann. In der Regel liegen auf dem Objektfeld des Objektträgers zwischen 10.000 bis 80.000 ganz verschiedene Zellen.

Das erscheint viel für eine so kleine Fläche wie 2x4cm, also 8cm² - aber das täuscht.

Denn wenn man den Objektträger mit der sogennannte mittleren Vergrößerung durchmustert, also der sogenannten 100-fachen Vergrößerung, dann handelt es sich nicht mehr um 2x4 cm sondern um das Hundertfache, demnach 200 x 400 cm und das entspricht 2x4 Metern und somit einer Fläche von virtuell 8 Quadratmetern, also so viel wie ein kleines Zimmer. In dieser Vergrößerung lassen sich die doch sehr kleinen Zellen gut beurteilen.

Will man hingegen Details so groß sehen wie in dem zytologischen Bild oben, braucht man eine 1000 fache Vergrößerung. Da wird das Feld, das durchmustert werden müsste schon sehr groß, nämlich virtuelle 800m², eine Fläche, auf der man ein Haus baut.

Es ist logisch, dass man auch die mittlere Vergrößerung von „8 m²“ nicht auf einmal in einem Gesichtsfeld eines Mikroskops sehen kann, sondern immer nur einen Ausschnitt. Es braucht also eine gewisse Zeit, bis man alle einzelnen Ausschnitte der Reihe nach, von links nach rechts und von oben nach unten, durchgemustert hat. Geübte Fachkräfte können das in 5-10 Minuten schaffen.

Zytologie kann manchmal schon im ersten Präparat ein Ergebnis liefern. Oft ist hingegen eine Wiederholung in zeitlichen Abständen erforderich. Durch den Vergleich mit den Verhältnissen in den früheren Proben kann die kontinuierliche Entwicklung einer Abweichung beobachtet werden und das erlaubt eine insgesamt sehr frühe Diagnose,

Verlaufsuntersuchungen sind also in der Zytologie Standard und sie sind auch gut möglich, denn die Gewinnung von Zellmaterial ist fast immer schmerzlos und der Herkunftsort wird durch die Entnahme der Zellen nicht beeinträchtigt oder verändert. Bei der Histologie ist das anders, denn die Gewebeentnahme ist ein traumatischer Eingriff und entfernt in der Regel das Zentrum der Veränderungen - dieselbe Probe kann kein 2. Mal entnommen werden, wenn die Diagnose an der ersten Probe nicht klar war.

Im Gegensatz zu Nordeuropa wird in Mitteleuropa zuwenig wahr genommen, wie frühzeitig und schonend durch Zytologie eine Diagnose gewonnen werden kann.

Screening

Die Beurteilung von Zellen im Mikroskop braucht eine spezielle Ausbildung. Während in der Gewebeprobe/Histologie der Gesamteindruck des Gewebes, also sein Muster, entscheidend ist, muss sich der Zellbefunder aus der Vielzahl der oft ganz verschiedenen Veränderungen einen resultierenden Gesamteindruck machen. Dieser resultierende Gesamteindruck ist charakteristisch und bildet die Diagnose.

Wir erinnern uns, es müssen immer mehrere Tausend Zellen durchmustert werden und natürlich muss man sich beim Durchmustern merken, welche Veränderunge gerade hier bei diesem Präparat beobachtet wurden. Das erlaubt auch eine Vorstellung wieviel Konzentration bei dieser Art einer Befundung notwendig ist.

Die weltweite Einführung von systematischen genitalzytologischen Untersuchungen, bekannt unter dem Namen Papa-Abstrich, ist eine der besten und breitesten gesundheitlichen Massnahmen, die die Medizin jemals geboten hat. Sie hat das ehemals gefürchtete Cervixkarzinom, die Frauenkrankheit schlechthin neben dem Brustkrebs, fast ganz ausgerottet. Katastrofen kommen nur dann vor, wenn die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen vernachlässigt werden.

Die systematische jährliche bis halbjährliche Anfertigung von Abstrichproben verursacht allerdings große Probenmengen. Die verfügbare Anzahl von ärztlichen Zytologen kann das nicht leisten und darüberhinaus ist der weitaus überwiegende Teil der vielen Proben frei von kritischen Veränderungen und Tumorvorstufen. Es ist daher naheliegend, die Aussiebungsarbeit an Personen zu delegieren, die nicht die ganze ärztliche Ausbildung brauchen, sondern nur die nötige Ausbildung für das in Frage kommende Arbeitsfeld. Diese hochspezialisierten unterstützenden Kräfte, die Screener, arbeiten eng mit den ärztlichen Zytologen zusammen und suchen jene Fäller heraus, die für die weitere und intensivere Beurteilung relevant sind.

Aufgrund der vielen Jahre Tätigkeit sind sie, meistens Frauen, hocherfahrene und sehr gute Diagnostikerinnen. Die Arbeit ist aber sehr anstrengend, braucht viel Konzentration und ist wegen des langen ruhigen Sitzens vor dem Mikroskop auch sehr ermüdend. Tatsächlich gilt als Richtwert, dass pro Tag sinnvollerweise nur 60 bis 80 solcher Einzel-Präparate befundet werden können. Darüber hinaus ist die Konzentrationsfähigkeit erschöüft und es mehrt sich die Gefahr von übermüdungsbedingter Unaufmerksamkeit und damit verbundenen Fehlern.

Unter anderem auch weil diese Tätigkeit so anstrengend ist, entschliessen sich zuwenige der laut Ausbildungsrecht dafür in Frage kommende Personen für diesen Beruf. Dazu kommt, dass diese besonders hochqualifizierte Arbeit öffentlich nicht ausreichend gewürdigt und daher ihre Tätigkeit auch in den Tarifen nicht ausreichend entlohnt wird.

Als Ausweg drängt vor allem die Industrie auf die Einsparung von Arbeitskräften und ihren Ersatz durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz. Die automatisierten Systeme gehen aber mit sehr viel Materialverbrauch und Kosten für Geräte einher, beschränken ihre Aussagen und nur wenige Details und lassen alles andere ausser Acht und beurteilen auch besonders kleine Stichproben aus dem gesamten übersendeten Material, wesentlich weniger als die Fachkräfte. Natürlich können sie den nur gering oder unwesentlich abnormen Großteil der Einsendungen abarbeiten, brauchen aber im kritischen Fall dennoch die Beurteilung durch die Fachkraft. Es ist dabei vorauszusehen, dass erfahrene menschlichen Befunder bei weitgehender Automatisierung völlig abhanden kommen.