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Entwicklung der Pathologie

Pathologie ist die wissenschaftliche, also systematische Betrachtung der Krankheiten und ihrer Ursachen und Verläufe. Ursprünglich war sie ein Teilgebiet einer frühen Denkweise, die Dinge und Sachverhalte nicht nur näher betrachtete, sondern auch versuchte, Zusammenhänge zu erkennen. Sie war einTeilgebiet der allgemeinen Philosophie, wobei Philosophie nichts anderes bedeutet als Liebe/Interesse zur Weisheit/Erkenntnis. Diese Art zu denken führte dazu, dass in der inzwischen angewachsenen Sammlung Gesundheiststörungen zusammenhängende Einheiten erkannt werden konnten, Einheiten, die sich von anderen Einheiten unterschieden liessen. Erst diese Sichtweise erlaubte es diese erkannten Einheiten zu benennen und sie als „Krankheit/Leiden (griechisch „Pathos“) aufzufassen.

Anfangs begnügte man sich also damit, die Gesundheitsstörungen wahrzunehmen und gegen sie Heilmittel anzuwenden (Heilkunst). Die Leiden wurden in erster Linie als Folge von Schuld und deren Bestrafung aufgefasst, verhängt von Göttern oder anderen spirituellen Mächten, die bewusst oder unbewusst beleidigt wurden. Heilkunst war bis zu einem gewissen Grad jedermanns Aufgabe.

Demokrit

griechischer Philosoph

Erst als sich größere Menschengruppen bildeten, konnten sich im Rahmen der Arbeitsteilung spezialisierte Heiler entwickeln. Bei diesen mehrten sich die Kenntnisse durch eigene Erfahrung und durch Erfahrungsaustausch mit den Kollegen und es entstand ein erhebliches und rasch zunehmendes allgemeines Wissen. Die Folge war, dass man Leiden und Behandlungsmethoden systematisch sammelte und Ende des 5. Jhd v.Chr. waren die Philosophen so weit, dass sie bei Gesundheitsstörungen einen klaren Ablauf aus Vorgeschichte und Folgen, also ein Gefüge von Ursache und Wirkung/Folge, unterscheiden konnten. Der griechische Philosoph Demokrit (450 v.Chr.), ein Zeitgenosse von Sokrates, legt das in seinen Schriften erstmals nieder.

Hippokrates von Kos

Zeitgenossen von Demokrit

Die nach Hippokrates von Kos benannten hippokratischen Ärzte, stützten sich in ihrer Arbeit konsequent auf dieses Denkmuster. Es erlaubte ihnen Entwicklungen vorherzusehen, was für die damalige Zeit ungeheuerlich war und verhalf ihnen zu ihren besonderen Erfolgen zu ihrem großen Ruf. Diese Art zu arbeiten führte die alte empirische Heilkunst in eine systematische Medizin-Lehre.

Diese Kenntnis, worum es sich bei einer beobachteten Gesundheitsstörung im Grunde handelt und wie sie sich aller Voraussicht nach entwickeln wird, ist ein Durchschauen von Zusammenhängen und entspricht unserem heutigen, aber viel später geprägten Begriff der „Diagnose“ (vom griechischen dia = durch und durch und gnosko = (Erkennen“). Vom Wahrnehmen von Vorgeschichte und Folge war es ein logischer Schritt, diese beiden Umstände nicht nur als zeitliche Aufeinanderfolge aufzufassen, sondern sie auch als Ursache und Wirkung, Schuld und Folge zu betrachten. Diese Denkweise, wie eines durch das vorherige verursacht wird, erlaubt es, sobald eine Krankheit als solche festgestellt wurde, nicht nur vorherzusagen, was sich in der Zukunft wahrscheinlich entwickeln wird, es erlaubt auch in die Vergangenheit zurückzugehen und zu erkennen, wie eine Kette von Ursachen zum aktuellen Zustand geführt hat. Das erlaubte den hippokratischen Ärzten nicht nur Maßnahmen für Heilung, sondern auch für die Gesunderhaltung vorzuschreiben. Die Erforschung der vorangegangenen Ursachen, die am aktuellen Zustand „schuld“ sind, die Verschuldenslehre (Ätiologie) verlangte aber immer mehr festzustellen, worin sich die Andersartigkeit eines Leidens definieren lässt, und das führt zu dem immer stärker empfundenen Bedarf zu definieren, wie ist denn der Zustand ohne Krankheit, wie ist denn Gesundheit zu definieren.

Und es wird als sehr behinderlich erkannt, dass die Kenntnisse über das Gesunde anfangs sehr gering sind und sich nur auf die durch die Sinne erfassbaren Verhältnisse der Körperoberfläche beschränken. Von den Verhältnissen darunter, den Muskeln, Sehnen, Knochen und Organen weiß man wenig. Vieles sind nur Analogieannahmen zu dem, was man aus Tierkadavern kennt, aus der Eingeweideschau, aus den Kenntnissen der Köche und Jäger. Untersuchungen am toten Menschen sind durch Tradition und ethische und religiöse Bedenken untersagt. Nur in Alexandria, in Ägypten, wurden im 3. Jhd nach Chr. bereits planvolle Sektionen an der menschlichen Leiche durchgeführt, sogenannte Anatomien. Die Tradition der Einbalsamierung kam dem dort entgegen. Aber in Europa bestanden bis ins 17. Jahrhundert wegen dieser unüberwindlichen Hürde erhebliche Fehlvorstellungen über den Bau des Menschen und wurden dogmatisch von einer Generation zur anderen übergeben.

Claudius Galenus

griechischer Arzt

Es war das Verdienst des griechischen Arztes Claudius Galenus, der im 2. Jhd n.Chr. in Rom arbeitete, dass er das, wenn auch in großen Teilen noch lückenhafte und an Irrtümern reiche anatomische Wissen seiner Zeit in einem sehr umfangreichen medizinischen Gesamtwerk (Methodus medendi) zusammenfasste. Und bis ins 17. Jhd war es die unverrückbare Grundlage der anatomischen Ausbildung der Ärzte, ein Dogma, dem zu widersprechen eine Gefahr für Leib und Leben bedeutete.

Siehe links eine anatomische Vorlesung, wobei der Professor aus dem Methodus medendi vorliest, die Studenten sezieren und der Augenschein bei der Sektion sich nicht gegen das Wort Galens durchsetzen kann.

Leonardo da Vinci

1492-1519

Die Aufbruchstimmung in der Renaissance setze sich dann doch gegen die theologischen und sittlichen Widersstände gegen die Sektionen zu Studienzwecken durch und die offenkundig falschen bisherigen anatomischen Behauptungen und gegen die theologischen und sittlichen Widersstände gegen die Sektionen zu Studienzwecken durchzusetzen. Besonders die großen Bildhauer und Maler der Renaissance Leonardo da Vinci (1492-1519) und Michelangelo (1475-1564) waren mit den überlieferten anatomischen Angaben unzufrieden und erkannten, dass sie zumindest viel zu ungenau waren und mit dem nicht übereinstimmten, was ihr sachkundiges Auge erfasste.

Daher besuchten sie nicht nur die nun zahlreichen heimlichen Sektionen befreundeter Mediziner, sondern griffen auch selbst zum Skalpell. Ihre tiefe Kenntnis von Haut, Muskeln und Skelett erlaubte ihnen ihre revolutionären Abbildungen von Menschen und Tieren, wie wir sie heute bewundern.

Andreas Vesalius

belgischer bzw. flämischer Anatom und Chirurg

Die allgemeinen anatomischen Anstrengungen führten zu einem enormen Zuwachs an Kenntnissen über die Gewebeschichten, Verl auf und Anordnung der Muskulatur und der Sehnen und Bänder, die inneren Organe, deren Lage und Anordnung, und erlaubten es Andreas Vesalius (Andreas Vesal), 1542 den 1. Atlas der menschlichen Anatomie: De Humani Corporis Fabrica – „Vom Bau des menschlichen Körpers“ zu verfassen. Vesal war belgischer bzw. flämischer Anatom und Chirurg und wirkte in Padua. Sein Werk ist bahnbrechende neuzeitliche Anatomie, indem es modellhaft die Verhältnisse beim Gesunden festhält und ein Nachschlagswerk für Vergleiche ist.

Giovanni Batista Morgagni

1682–1771

Seine klare, geordnete und modellhafte Charakterisierung der Normalverhältnisse im Atlas erlaubte es dem Italiener Giovanni Batista Morgagni (1682–1771) im Jahre 1761 die sichtbaren krankhaften Veränderungen ins Verhältnis zu den im Atlas festgehaltenen Normalverhältnissen zu setzen und in seinem Werk De sedibus et causis morborum („Vom Sitz und den Ursachen der Krankheiten“) zu verfassen. Seine Beschreibung der Krankheiten beschränkt sich dabei noch auf die Veränderungen, die mit freiem Auge gemacht werden können.

Marie François Xavier Bichat

1771 – 1802

Der Franzose Marie François Xavier Bichat, 1771 – 1802, Anatom, Physiologe und Chirurg, Paris, geht weiter. Er beschränkt sich nicht auf die Verhältnisse, die mit freiem Auge zu sehen sind, er geht davon aus, dass die wesentlichen Veränderungen schon im Feinbau des Gewebes vorliegen und dass hier schon die Abweichungen vom Normalen/Gesunden zu finden sind. Er gibt seine Erkenntnisse als „Les merveilles de la Science“ 1870 heraus.

Carl Rokitansky

1804-1878

Der Österreicher Carl Rokitansky, 1804-1878, entwickelt die Pathologie weiter von einer beschreibenden zu einer erklärenden Wissenschaft. Ihm zufolge hat die Pathologie die folgenden Zwecke:

  • Fehlentwicklungen und Vorstufen erkennen
  • Ursachen und Zusammenhänge der Leiden aufzudecken für eine planvolle Behandlung
  • Arzt und Patient objektiv/beweisbar bei der Überwachung der Wirkung von Maßnahmen zu unterstützen

Rudolf Virchov

1821-1902

Der deutsche Pathologe Rudolf Virchow 1821-1902 führt die Gedanken von Rokitansky und Bichat weiter und vertieft die Kenntnisse aus dem Augenschein der Anatomie in den Mikroskopiebereich der Gewebelehre. Im Jahr 1858 erschien sein Buch Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Er konnte zeigen, dass Krankheiten auf dem Niveau der Körperzellen beginnen.

Pathologie Heute

Heute verfügt die moderne Pathologie über umfangreiche und sehr genaue Kenntnisse über den normalen Aufbau des menschlichen Körpers, seine Organe und Zellstrukturen.

Die bildgebenden Verfahren (Ultraschall, Röntgen, Magnetresonanz) haben auch einen großen Beitrag dazu geleistet.

Sie hat inzwischen methodische Unterteilungen für ihren Auftrag, die Krankheitsursachen zu erkennen.

Pathologische Anatomie

Nach wie vor ist die Leicheneröffnung wichtig, um mit den Möglichkeiten, die man an einem toten Körper hat, eine klinische Diagnose zu vervollständigen, zu bestätigen oder auch zu widerlegen und Unerkanntes Wichtiges zu entdecken und damit den klinischen Erfahrungsschatz zu erweitern.

Histologie

Die sichtbaren Veränderungen sind vor allem in den Frühstadien einer Krankheit vieldeutig. Sie sind aber die Folgen der ganz spezifischen Veränderungen im Feinbau. Daher ist es vorteilhaft, die Veränderungen im Feinbau, also im Mikroskop zu unterscheiden. Diese Untersuchung des Feinbaus braucht eine sehr ausgefeilte Technologie und eine besondere Schulung des Befunders und hat sich daher zu einem Spezialch der Medizin entwickelt, zur Histologie.

Wie alle medizinische Diagnostik ist der histologische Befund in erster Linie weder Messung noch Zählung oder Wägung sondern qualifizierte Meinung, gestützt auf Ausbildung, Erfahrung und Fortbildung, also im Grunde ein Gutachten.

Immunhistochemie Molekularpathologie

Die Gewebsuntersuchung macht durch bestimmte Farbstoffe die Strukturen des an sich farblosen Gewebes sichtbar, machte Kontraste und ließ im mikroskopischen Bereich wesentliche Details der Form, Anordnung und Verteilung erkennen.

Durch die Forschung haben sich unsere Kenntnisse über den wahren Feinbau und auf Zusammenhänge so erweitert, dass sie weit über das hinausgehen, was man mit dem Mikroskop sehen kann. Die Kenntnisse über die Antigen/Antikörper Reaktion und die Kenntnisse über den Aufbau der Eiweiße und der Kernsubstanz haben neue Möglichkeiten eröffnet, typische Eigenschaften zu erkennen, die eindeutig mit den Erscheinungen der Krankheiten zusammenhängen.

Die diagnostische Methode, bei der sich die Pathologie auf die Antigen/Antikörper Reaktion bezieht und damit krankheitstypische Veränderungen in der Eiweißzusammensetzung erkennen kann, ist die Immunhistochemie, die diagnostische Methode, die sich auf typische Veränderungen in der Erbsubstanz bezieht, heißt Molekularpathologie.

Bei der Immunhistochemie spricht man nicht von Färbungen sondern von Markierungen. Damit ist gemeint, das man dem Gewebe einen bestimmten Antikörper anbietet, der gegen ein ganz bestimmtes Eiweiß gerichtet ist, von dem man wissen möchte, ob es vorhanden ist, weil daraus auf die Krankheit geschlossen werden kann. Ist dieses gesuchte Eiweiß vorhanden, dann wird es durch die Anlagerung des Antikörpers markiert und die Antigen/Antikörperverbindung kann sichtbar gemacht werden.

Da die Erbsubstanz inzwischen entschlüsselt ist, bietet sich auch hier die Möglichkeit Fehler in der Zusammensetzung nachzuweisen, die die Ursache für Erkrankungen sind, vor allem bei den bösartigen Tumoren. Solche Überprüfungen sind wichtig, weil inzwischen Medikamente entwickelt wurden, die solche durch das Erbgut bedingten Fehlsteuerungen unterbinden oder hemmen können.

Zytologie

Neben der Beurteilung der Verhältnisse im Gewebe erlaubt auch die Beurteilung von Zellen, vor allem wenn sie in großer Menge vorliegen, charakteristische Veränderungen zu erkennen, die eine Erkrankung eindeutig anzeigen. Auch hier handelt sich um eine gutachterliche Beurteilung, gestützt auf Spezialausbildung, Erfahrung und Fortbildung.

Mikrobiologie

Sie ist sozusagen die Kleintierzucht in der Pathologie.

Bakterien und Pilze sind sehr klein und ihre Auswirkungen als Krankheit nur dann groß, wenn sie in entscheidenden Mengen vorkommen.

Auch für die mikrobiologische Untersuchung gilt das. Die Proben aus einer Wunde oder einem sonstigen Entzündungsherd enthalten zunächst nur eine sehr beschränkte Anzahl von Keimen. Man kann sie im Mikroskop nach Anfärbung (Gram-Präparat) sehen und grob unterscheiden. Aber das reicht noch nicht für eine genaue Bestimmung und die daraus folgende Behandlung.

Es ist erforderlich, das eingesendete Bakteriengemisch so zu vermehren, dass die einzelnen enthaltenen Bakterien jede für sich Kolonien bilden. In einer Kolonie befinden sich dann so viele gleiche Elemente, dass man ihre Fähigkeiten zu verschiedenen Reaktionen überprüfen kann. Je nachdem, wie sie sich da verhalten, werden sie als bestimmte Arten eingeordnet und überprüft an ihnen, dann gegen welche Antibiotika sie empfindlich oder unempfindlich sind.

Daraus ergibt sich dann die entsprechende Therapie.

Parasitologie

Es gibt einzellige und mehrzellige Lebewesen, die mit uns nicht in Frieden leben, wie so viele andere Bakterien und Kleinstlebewesen, sondern uns schaden. Dazu gehören Würmer, Fliegenlarven aber auch Einzeller, wie zum Beispiel Malariaerreger.

Untersuchungen aus Stuhl und Blut, je nachdem, können diesen Befall nachweisen und der Therapie übergeben.